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Albrecht, Marilyn und ich – ein eMail-Interview

Young Marilyn 2, 2016, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 200 x 160 cm

Young Marilyn 2, 2016, Öl auf Leinwand, 200 x 160 cm

Galerie von Braunbehrens Du malst seit Jahren Porträts, z.B. die „Selfies“ deiner Freunde aus den Sozialen Netzwerken, aber auch berühmte Persönlichkeiten aus der amerikanischen und europäischen Kultur und Gesellschaft. Wie wählst du deine Motive aus?

Sami Lukkarinen Die Auswahl der Bildvorlagen ist natürlich ein wichtiger Teil meines Arbeitsprozesses. Alles geht von dieser Entscheidung aus. Die ersten Werke, die auf digitalen Bildern aus dem Internet basierten, malte ich schon 1999. Seitdem habe ich Hunderttausende von Bildern auf vielen verschiedenen Internetseiten durchgesehen und habe bei der Auswahl immer auf meine Intuition vertraut. Voraussetzung war die Überzeugung, dass das Bild als „Pixel-Malerei“ gut sein würde. Es gibt bei der Bildfindung Phasen, in denen sich meine Auswahl mehr auf eine einzige Internetseite wie Facebook, IRC-Gallery oder Myspace konzentriert, und andere, die offener für neue Ideen und Bilder sind.

Nach mehr als 100 Pixel-Porträts meiner Facebook-Freunde (2011-2016) habe ich im letzten Jahr begonnen, andere Quellen zu verwenden. Denn ich habe mein Repertoire erweitert, indem ich Porträts aus der Kunst- und Kulturgeschichte verwendet habe. In diesen neuen Bildern geht es um Beispiele aus der Geschichte des veröffentlichten, mit anderen geteilten „Selfies“.

Was passiert beispielsweise, wenn ein Renaissance-Künstler ein Selbstbildnis malt und es anderen zeigt? Da gibt es ein Pixel-Porträt des ersten bekannten Selbstporträts von Jan van Eyck (Portrait of a Man, 1433, National Gallery London) und drei Bilder nach Albrecht Dürer. Bei Dürer wollte ich seine moderne Selfie-Haltung zeigen: zuerst malt er sich als jungen Künstler, dann mit Fantasie-Kostüm und schließlich als Jesus! Das alles bevor er 30 Jahre alt wurde. Die anderen Renaissance-Meister, von denen ich Pixel-Porträts malte, sind die italienische Künstlerin Sofonisba Anguissola und die niederländische Malerin Caterina van Hemessen, die eines der ersten Selbstporträts als Künstlerin bei der Arbeit gemalt hat.

Neben der Renaissance habe ich mich von der frühen Pop-Kultur der Massenmedien anregen lassen: Da gibt es die Bilder der jungen Marilyn Monroe nach Fotos von Andre de Dienes unmittelbar nachdem sie ihren Namen in „Marilyn Monroe“ geändert und entschieden hatte, nach Hollywood zu gehen (1946). Ich liebe diese Bilder, ohne dass ich ein ausgesprochener Marilyn-Fan bin. Sie zeigen ein junges und unsicheres Mädchen, das in den meisten Bildern nicht in die Kamera blickt. Damals begann ihr Weg zum größten Filmstar der 1950er Jahre und zur Pop-Kultur-Ikone der 1960er Jahre.

Untitled 2, 2017, Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm

In den letzten fünf Jahren habe ich immer wieder Porträts des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg gemalt. Für mich ist er einfach die Ikone der Ära der Sozialen Medien, in der wir leben.

Das „Phantom der Oper“ stellt die Verbindung zwischen den Facebook-Porträts und meinen neuen Bildern her. Es ist nämlich ein Porträt meines Freundes Ville Rusanen, der die Rolle des Phantoms der Oper an der Finnischen Nationaloper in Helsinki spielte. Zu diesen „berühmten Persönlichkeiten“ gehört auch die Kunstfigur Frankenstein.

Dazu kamen meine „Unshared Selfies“ und Sigmund Freud, auf den ich durch einen Link im Nachrichtenfluss meiner Facebook-Seite gestoßen bin. Zu dieser Zeit hatte ich ein paar Probleme im Privatleben und da dachte ich, mein eigener Pixel-Psychoanalytiker im Atelier könnte mir helfen!

„Unshared Selfies“ ist die erste Reihe von Bildern, in der ich Fotos verwendet habe, die ich zuvor nicht in den Sozialen Medien veröffentlicht hatte. Wenn ich 2016 Selfies machte, um sie auf Facebook zu stellen, sah ich auf ihnen immer nur einen sehr enttäuschten Mann. Die konnte ich keinesfalls veröffentlichen. Als ich meine traurigen Selfies ansah, merkte ich, dass es eine Art Regel in meinem und in dem Kopf der meisten Nutzer gibt, welche Art von Bildern in den Sozialen Medien geteilt werden „dürfen“ und welche nicht. Es ist ziemlich klar, welche Selfies allgemein als gut genug für eine Veröffentlichung angesehen werden. Ich bin sicher, dass es Milliarden von Selfies in Milliarden von Smartphones gibt, die durchfallen und für nicht gut genug gehalten werden. Sie werden nicht geteilt. Trotzdem wollte ich diese Selfies verwenden. Sie gepixelt zu malen half mir, die Traurigkeit von den Bildern hinwegzufegen und dann doch noch in den Sozialen Netzwerken zu veröffentlichen.

Sami Lukkarinen, Pekka, 2015, Öl auf Leinwand, 125 x 125 cm

Pekka, 2015, Öl auf Leinwand, 125 x 125 cm

Galerie von Braunbehrens Du sprichst von der „Ära der Sozialen Medien“, in der wir leben, und von diesen vielen Selfies, die jeder ständig macht und teilt. In Albrecht Dürers Zeit war ein Porträt noch eine Art Wunder mit absolutem Seltenheitswert. Was passiert, wenn du ein digitales Bildnis in ein Pixel-Porträt in Öl verwandelst?

Sami Lukkarinen Ich glaube im Porträt und im Selbstbildnis ging es schon immer um das Gleiche: zu zeigen, wer wir sind und was wir in der Gesellschaft darzustellen wünschen. Der Blick auf das Ich ist verbunden mit der technischen Entwicklung. Es gäbe keine Selbstbildnisse aus der Renaissance, wenn es damals keine Spiegel und keine Ölfarben gegeben hätte. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass die Anfertigung und das Verbreiten von Selbstporträts durch die Sozialen Medien so viel einfacher und schneller geworden ist. Wir haben heute den Punkt erreicht, an dem ein Smartphone noch häufiger als Spiegel verwendet wird als ein echter Spiegel. Wenn du ein Selfie in den Sozialen Medien teilst, bekommst du sofort Rückmeldungen aus deinem Freundeskreis. Sie bieten das beste Werkzeug heute, um eine eigene Identität auszubilden und überhaupt eine Geschichte darüber zu erzählen, wer du bist. Das macht die Sozialen Medien so wichtig.

Visuell reihen sich die Profilbilder und Selfies in die Tradition ein, die mit den Renaissance-Porträts und -Selbstporträts begann: Wir wollen einfach gut aussehen auf Bildern, die wir veröffentlichen.

Ich habe mich immer schon für den Gegensatz zwischen digitalem Bild und kunsthistorischer Tradition interessiert: eine kleine digitale Aufnahme aus Millionen von Fotografien auswählen und ganz langsam, Pixel für Pixel, in Ölmalerei übertragen. Es ist ein langer Prozess, genau zu beobachten und wirklich zu verstehen, was das digitale Bild eigentlich ist.

Ich versuche, als Künstler eine Position zwischen dem Wirklichen und dem Virtuellen einzunehmen. Ganz ähnlich verhält es sich mit meinem Leben: Ungefähr die Hälfte verbrachte ich noch vor dem Zeitalter der Digitalisierung und des Internets, in der zweiten Hälfte nahm die Bedeutung der Virtuellen Welt schrittweise für mich zu.

Teil des Entstehungsprozesses eines Ölbildes ist auch das Hochladen einer Aufnahme in den Sozialen Medien – noch bevor ich es in einer Ausstellung zeige. Wer sich für meine Kunst interessiert, folgt mir am besten per Instagram!

Riku, 2016, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 150 x 120 cm

Riku, 2016, Öl auf Leinwand, 150 x 120 cm

Galerie von Braunbehrens Wie erzeugst du diesen erstaunlichen Effekt, dass das Bild wie ein abstraktes Muster erscheint, wenn man direkt davor steht, und immer realistischer wird, je weiter man sich davon entfernt?

Sami Lukkarinen Diese Wirkung zeigt einfach, wie das menschliche Auge funktioniert! Ich verwende die gleiche Anzahl an Informationen (Pixel), die das kleine Profilbild in Facebook oder Instagram aufweist. Unser Auge sieht kleine Digitalbilder sehr scharf, obwohl sie nur 50 × 50 Pixel oder weniger haben. Ich vergrößere diese kleinen nur 1 × 1 cm großen digitalen Bildchen zu Ölbildern, die bis zu 2 × 2 Meter groß sind! Der beste Weg, diesen Effekt wahrzunehmen, ist, meine Bilder zuerst von Nahem zu betrachten, dann von einiger Entfernung und schließlich durch das Smartphone.

Bevor ich anfange zu malen, mache ich einen verpixelten Ausdruck des Digitalfotos und male es Feld für Feld in Öl auf die Leinwand. Die Nuancen in der Vorlage wahrzunehmen und die genaue Farbe zu mischen braucht viel Zeit und Sorgfalt. Dann trage ich mit Spachteln die Farbe auf. Mein Ziel ist es, die Oberfläche des Bildes lebendig zu gestalten, indem ich die Ölfarbe dick auftrage. Das Volumen der Farbe gibt dem Bild seinen Rhythmus. Zwar sind meine Bilder mit dieser strengen Raster-Struktur organisiert, aber die Pixelfelder selbst sind frei und auf expressive Art und Weise gemalt. Ich korrigiere nie, denn kleine Abweichungen der Pixelgröße und der Farben tun den Bildern sehr gut.

Ich finde es spannend, die silberne Ölfarbe in meinen neuen Bildern zu verwenden. Die meisten dieser Werke sind nur mit Silber und Schwarz gemalt. Die Zwischentöne anzumischen ist einfacher als bei den farbigen Bildern und ermöglicht es mir, mich noch stärker auf den Rhythmus der Pixel zu konzentrieren. Ich mag das Dickflüssige der schwarzen und silbernen Ölfarben, die ich verwende, und die Schönheit ihrer Pigmente.

Galerie von Braunbehrens Du bist in Finnland, ganz im Norden Europas aufgewachsen und zu Hause. Heute bist du ein internationaler Künstler, der sich mit einem Thema beschäftigt, das von globalem Interesse ist.

Gibt es „finnische Anteile“ in deiner Kunst? Wie bist du ausdeinem Umfeld in Helsinki zu diesem Thema gekommen?

Sami Lukkarinen Ich begann mit den Pixel-Porträts 2003. Davor malte ich gepixelte Serien moderner Architektur und mit Graffiti besprühte Züge in einem eher realistischen Stil. Trotzdem fußten beide Serien auf Bildern, die ich im Internet gefunden hatte. Bei den Gebäuden handelte es sich um moderne Klassiker von Architekten wie Le Corbusier, Walter Gropius oder Alvar Aalto, die rund um den Globus gebaut worden waren. Im Jahr 2000 malte ich erstmals Pixel-Bilder auf Leinwand. Ich hatte das starke Gefühl, dass diese neue Technologie, das Internet, das voll ist von digitalen Bildern (und Pixeln!) alles ändern
und zu einer völlig neuen Sprache führen würde, ähnlich, wie das der modernen Architektur in den 1920ern gelungen ist. Die Architektur als Motiv zu nehmen lag sehr nahe, denn ich komme aus Jyväskylä, der Heimatstadt von Alvar Aalto. Ich studierte zu dieser Zeit Neue Medien an der Akademie der Bildenden Künste in Helsinki und das Verwenden des Computers und
von Photoshop als Teil meines Malprozesses lagen ebenfalls sehr nahe.

Meine wirkliche Inspiration kam immer aus den Impulsen rund um die Digitalisierung und die Techno-Musik. Beide sind globale Themen, waren aber sehr präsent in Helsinki rund um das Jahr 2000. Wegen des Nokia-Konzerns, der in Helsinki seinen Sitz hatte, war es eine der führenden Städte bei der Digitalisierung. Das war ein guter Ort für einen jungen Techno-Maler! Seitdem hat sich nicht so viel geändert: ich arbeite immer noch an globalen Themen rund um Technik (und Kunstgeschichte) und gehe manchmal in den Technoclub, um die Zukunft zu spüren!

Sigmund Freud, 2016, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 100 x 80 cm

Sigmund Freud, 2016, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Galerie von Braunbehrens Was steht im Zentrum deines Werkes? Wie würdest du dein Hauptanliegen formulieren? Was willst du mit deiner Kunst ausdrücken?

Sami Lukkarinen Ich bin ein Künstler, der nach dem Vorbild von digitalen Bildern, die in den Sozialen Netzwerken und im Internet veröffentlicht wurden, Ölbilder malt und sie anschließend der Öffentlichkeit des Internets in Form von digitalen Bildern zurückgibt. Ich beschäftige mich als Künstler mit diesem gewaltigen technologischen und kulturellen Wandel der letzten 20 Jahre und damit, was er für die Malerei und für mich als Maler bedeutet.

Die größte Frage, mit der ich mich beschäftige, ist die zunehmende Bedeutung der Sozialen Netzwerke: Zum ersten Mal in der Geschichte ist fast jeder und jede in der Lage, Selbstbildnisse zu machen und sofort in den Netzwerken mit anderen zu teilen. Ich will die Schönheit und die Kreativität der Nutzer Sozialer Netzwerke zeigen und wie die Kultur der Selfies mit Entwicklungen der Technologie und der Kunstgeschichte verbunden sind.

Ein eMail-Interview von Berthold Naumann, Mariah Bletzinger und Natalia Tarakanova mit Sami Lukkarinen zwischen dem 13. und 28. Juli 2017