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Generation Gesichtsbuch – zu den Arbeiten von Sami Lukkarinen

Von Christian Gögger

Antti, 2016, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 100 x 80 cm

Antti, 2016, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Einige der Porträts von Antonello da Messina1, entstanden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, zeichnen sich durch eine Präsenz und Intimität aus, die sich ausschließlich der dargestellten Person selbst widmen.Durch annähernd monochrome Hintergründe stellt der Maler – und das ist neu – die Figuren frei, unter gänzlichem Verzicht auf religiöse Symbolik und Insignien, die den Porträtierten als Heiligen- oder Stifterfigur zu erkennen geben. In kleinen, für den privaten Raum bestimmten Formaten bildet er Individuen, Charaktere ab, die keine der bis dahin üblichen ikonografischen Bestimmungen anbieten und dadurch einen sehr unmittelbaren Dialog mit dem Betrachter herausfordern. Obwohl das Porträt schlechthin, ist Leonardo da Vincis wenige Jahre später gemalte Gioconda nicht in demselben Maße deutungsfrei, denn es referiert doch ausdrücklich den damals gängigen Marientypus. Mit der Einführung des identifizierbaren Einzelnen, der wiedererkennbaren Persönlichkeit, dem je eigenen Gesicht beginnt die Kunst den bis dahin verbindlichen religiösen Er zählkanon aufzukündigen. Das Gesicht hört auf, Projektionsfläche oder Prototyp zu sein und bildet stattdessen authentisch den Menschen ab.

Albrecht Dürer, 2017, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 125 x 125 cm

Albrecht Dürer, 2017, Öl auf Leinwand, 125 x 125 cm

Etwas weniger als ein halbes Jahrhundert später fixiert Andy Warhol2 mit gekonnten Outline-Konturen und üppigen, markanten Farbflächen – darüber hinaus wahnsinnig er folgreich – Gesichter und Posen von Film-, Rock- und Society-Idolen. Mit seinem New Yorker Studio entwickelt er den Typus eines kollektiven Produktionsapparates, dessen standardisierte Verfahren es ihm erlauben, alle, die es sich leisten wollen, in einer individuell gewählten Pose, ihrem persönlichen Stil und Geschmack folgend zu porträtieren.

Seit der allgemeinen Nutzung fotografischer Technik ist das je eigene Bild von sich selbst nichts Besonderes mehr, jeder Einzelne verfügt über ausreichend viele Belege seiner Individualität. Im Strom der massenhaften Verbreitung von Bildern allerdings, einer exponentiell wachsenden medialen Verbrauchskultur, geht es nun um die mediale Zurichtung des Porträts. Warhol bietet einen für beide Seiten lukrativen Weg an: er transformiert die ihm zur Verfügung gestellten Gesichter zu zeitgemäßen Ikonen, reduziert auf die markanten Wesensmerkmale. Erkannt zu werden ist um 1960 nicht mehr an die Erfahrung einiger persönlicher Betrachter gebunden wie noch in der Renaissance. Massenhafte Vervielfältigung und Reproduktion in Zeitungen und Illustrierten verschaffen vor einem riesigen Publikum Wiedererkennbarkeit. Um in das Bewusstsein der Masse nachhaltig vor zudringen, bedarf es der Stilisierung und diese wird von Warhol meisterhaft bedient. In der Darstellung übersetzt er persönlichen Ausdruck (der zu seiner Zeit und in seinem Umfeld nicht ohne gehörige Exaltation auskommt) in Stilmerkmale. Er hat das an sich selbst erfolgreich exekutiert, ganze Serien von Porträts und Selbstporträts zeigen ihn mehr als ein Produkt als die Person.

Als Ende der 1980er Jahre die ersten Riesenporträts von Thomas Ruff3 in Ausstellungen auftauchten, wurden sie als Tafelbilder rezipiert. Auf die Ära omnipräsenter und zum Teil großformatiger Malerei folgte ein beispielloser Siegeszug der Fotografie, jenseits ihres aufzeichnenden, dokumentarischen Charakters. Verblüffend die großen Abzüge, die nahtlos an die gemalten Museumsformate anknüpften. Thomas Ruff porträtiert frontal und überlebensgroß, eine Mischung aus Passbild und erkennungsdienstlichem Foto. Das Gesicht in diesem übersteigerten Format wirkt wie durch eine Lupe betrachtet. Mit beinahe abstoßender Deutlichkeit werden Poren, Barthaare und Unreinheiten exponiert, wird ein hyperrealistisches Inkarnat sichtbar, das ganz eindeutig auf die Malerei verweist oder, anders gesagt, in einer Art Mimesis sich ihr gleichzumachen versucht. Thomas Ruff geht es in seiner Arbeit nicht um das Selbstporträt, von Bedeutung ist die Rezeption seiner Fotografien unter den Bedingungen der Malerei.

Sami Lukkarinen4 beschäftigt sich in seiner Malerei seit vielen Jahren intensiv mit der Darstellung von Gesichtern. Sein Interesse weckte 4 die viral sich ausbreitende Selfie-Manie. Diese inzwischen ganz selbstverständliche Form der Selbstfotografie begründet eine radikal neue Kultur des Porträts, in der man selbst sowohl als Autor der Eigendarstellung
als auch als Distributor fungiert, indem man ständig seine Aufnahmen mit anderen Nutzern der sozialenNetzwerke teilt. Hier findet Sami Lukkarinen zuerst sein Ausgangsmaterial in den briefmarkengroßen Porträts, die die User von Facebook an ihr Profil heften oder besser deren verschlüsselte Version. Aus Gründen der Wahrung von Persönlichkeitsrechten ist es nicht möglich, diese kleinen Selbstporträts hochzuladen und zu vergrößern. Sobald man eine größere Darstellung wählt, verpixelt die Fotografie, das Gesicht verwandelt sich in kaleidoskopartige Farbflächen und wird damit unkenntlich.

Mark Zuckerberg, 2016, Öl auf Leinwand / oil on canvas, 100 x 80 cm

Mark Zuckerberg, 2016, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Das persönliche Bild erlebt in Zeiten weltumspannender, filterloser sozialer Netze einen grundsätzlichen Funktionswandel. Zwar ist die eigene Abbildung für jeden Einzelnen nach wie vor authentifizierte Gewissheit des eigenen dargestellten Selbst, aber das Selbstbildnis in seiner inflationären Multiplikation und grenzenlosen Verbreitung veräußert jegliche Intimität und gerät zu einem durch Dritte gefährdeten Datensatz, der sich der prekären Problematik allgemeiner Verfügbarkeit aussetzt. Um ein wenig privaten Schutz zu gewähren, hat man den allgemeinen Gebrauch durch Verpixelung eingeschränkt.

Sami Lukkarinens Malerei setzt die Porträts in ihrer digitalen Unschärfe in große und mittelgroße Malereien um. Mittels Spachtel setzt er in einem klaren, regelmäßigen Raster Farbfeld an Farbfeld und vergrößert so die Pixelfelder im jeweils selben Farbton des Ausgangsbildes. Die Unschärfe der Farbfelder in den thumbnailgroßen Selbstporträts resultiert aus der extremen Vergrößerung, die dann in der malerischen Umsetzung, in ein Format von bis zu 200 × 160 cm, ausgeglichen wird. Auf diese Weise werden die Gesichter und Posen recht gut wieder sichtbar. Die digitale Verzerrung wird malerisch revidiert und wieder entzerrt. Was die Abbildungen im vorliegenden Katalog zur Ausstellung nicht vermitteln können, ist der Umstand, dass die gemalten Bilder mehrere Möglichkeiten der Betrachtung anbieten: (a) aus großer Nähe – dann steht man vor einer abstrakten Malerei aus Farbflächen und pastosen Farbkanten; (b) aus der Distanz – dann sieht man das ein wenig verwackelte aber recht deutliche Gesicht des Abgebildeten, oder © durch das Smartphone – dann: sieht man es perfekt! Man steht wieder in einem beinahe intimen Dialog mit Malerei und Porträt (wie schon mal in der Renaissance), nimmt an der Reflexion des Malers an seinem Gegenstand und dessen ursächlicher Zurichtung – dem Pixelporträt – in besonderer Weise teil. Sami Lukkarinen schafft es mit großem Können, Gesichter auf die Leinwand zu übertragen, ohne in der Virtuosität der Handhabung der Materialien allein aufzugehen. Seine Bilder verhalten sich nicht nur zu ihrem Gegenstand, sondern auch zu dessen Verwendung in sozialen Netzwerken analytisch.

Die Sujets der jüngeren Bilder stützen diese These, in dem er nicht länger wie früher Freunde und anonyme Protagonisten für seine Porträtserien, sondern, dem Thema entsprechend, sehr spezifische Prominenz auswählt, zum Beispiel: Mark Zuckerberg – den Erfinder von Facebook -, Marilyn Monroe – die Hollywood-Kultfigur der 60er Jahre – und es taucht auch Albrecht Dürer5 auf, mit eben seinem berühmten Selbstporträt.

1 Antonello da Messina, eigentlich Antonio di Giovanni de
Antonio (* um 1430 in Messina; † 1479 in Messina) war ein
italienischer Maler; besonders anschaulich auch sein Selbstporträt
von 1476;
2 Andy Warhol (* 6. August 1928 in Pittsburgh, Pennsylvania;
† 1987 in Manhattan, New York City); war ein amerikanischer
Künstler;
3 Thomas Ruff (*1958 in Zell am Harmersbach) ist ein
deutscher Fotokünstler aus Düsseldorf;
4 Sami Lukkarinen (*1976 in Jyväskylä, Finnland) ist ein
finnischer Maler und Hauptgegenstand dieses Textes
5 Albrecht Dürer (*1471 in Nürnberg; †1528 ebenda) war ein
deutscher Maler, Grafiker und 6 Kunsttheoretiker;